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sculpture network Lab: KreativitÀt und der 101. Joghurtbecher

Wie viele Gesichter hat KreativitĂ€t? Wovon hĂ€ngt sie ab? Und unterscheidet sie sich in ihrer Form von Branche zu Branche? Beim dritten Sculpture Network Lab haben wir in MĂŒnchen mit 5 VertreterInnen aus der Wirtschaft, der Kreativbranche und der Kunst darĂŒber gesprochen, was KreativitĂ€t fĂŒr sie bedeutet.

Abends, 19 Uhr in MĂŒnchen: Wir sitzen im Hofspielhaus, bei gedĂ€mpftem Licht und mit einem GetrĂ€nk in der Hand. Es könnte genauso gut ein entspannter Abend unter Freunden im heimischen Wohnzimmer sein. Dabei soll noch einiges passieren! Impulse der KreativitĂ€t im Spannungsfeld zwischen Kunst und Wirtschaft lautet der Titel der neuesten Ausgabe des sculpture network Lab. Kuratiert wurde das Event erneut von dem bewĂ€hrten Team um Eva Wolf, mit Angelika Hein und Willy Hafner, und umgesetzt zum wiederholten Male mit der freundlichen UnterstĂŒtzung der Waldemar Bonsels Stiftung. Es steht vieles auf dem Programm, zuallererst die Frage, was KreativitĂ€t eigentlich bedeutet.

Schnell wird klar, dass sich unser Podium bereits ĂŒber diese Frage uneinig ist – entschuldigung, ich sage „Podium“, dabei stimmt das nicht so ganz. Denn dieses Mal ist das ganze Publikum unser Podium; in echter WerkstattatmosphĂ€re können sich alle TeilnehmerInnen zu jeder Zeit einklinken. Von dieser Möglichkeit wird im Laufe des Abends auch ausgiebig Gebrauch gemacht! Damit alle Gelegenheit haben, zu Wort zu kommen, moderieren Eva Wolf und Angelika Hein.

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Die GĂ€ste backstage. Foto: Timian Hopf

Von der Kunst des Kreativ-Seins

Alle Kunst ist KreativitĂ€t, aber nicht alle KreativitĂ€t ist Kunst. Das ist wohl das einzige, worĂŒber sich unsere geladenen GĂ€ste einig sind. Wo die einen frei mit ihren Impulsen umgehen können, sind die anderen gewissen ZwĂ€ngen ihrer Berufe unterworfen. FĂŒr Micha Goes (GeschĂ€ftsfĂŒhrer der PACOON Strategie & Design GmbH) heißt KreativitĂ€t so nicht nur, immer neue Verpackungsdesigns entwickeln zu mĂŒssen, sondern auch flexibel auf den Kunden zu reagieren. „Der will dann, dass man den 101. Joghurtbecher entwirft“, erklĂ€rt er uns – das sorgt natĂŒrlich fĂŒr Lacher, aber der ernste Beigeschmack dieser Aussage bleibt bestehen und hĂ€ngt den ganzen Abend ĂŒber im Raum: Unsere Gesellschaft fordert in rasantem Tempo und dauerhaft Neuerungen. Alles muss innovativ, nie dagewesen – und kreativ (!) sein. Ein Anspruch, der kaum zu erfĂŒllen ist. 

Und das muss auch nicht sein, findet Manfred Holler (emeritierter Professor fĂŒr Volkswirtschaftslehre und Autor). KreativitĂ€t bedeutet fĂŒr ihn das Schaffen von etwas Neuem. Und die Anzahl der echten Neuerungen in unserer Gesellschaft ist nicht nur begrenzt, sondern auch abhĂ€ngig von einer Reihe von Faktoren: Wissen, Zeit, der kulturelle Hintergrund 
 jeder von uns greift in all seinem Tun auf einen Fundus zurĂŒck, der fĂŒr Angehörige desselben Kulturraums Ă€hnlich ist. Dass da nicht jeder das Rad neu erfinden kann, ist klar.   

KreativitÀt mit Grenzen?

Aber da regt sich Widerspruch im Publikum und auf dem Podium. Ist KreativitĂ€t wirklich begrenzt? Ist nicht der Gedanke, dass mit unseren Ideen und Impulsen alles möglich ist, genau das, was viele von uns antreibt? Die Riege der KĂŒnstlerInnen vertritt an diesem Abend Walter Kuhn, der erst letztes Jahr mit seiner Installation 1000 Mohnblumen auf dem Königsplatz in MĂŒnchen fĂŒr Aufsehen sorgte. Eine allgemeine Haltung will er zu dieser Frage nicht beziehen, sondern nur fĂŒr sich sprechen: Seine Werke entstehen immer aus persönlichen Erfahrungen. Er verarbeitet, was er kennt, was er weiß und was er selbst erlebt hat. Und ist das nicht bei jedem der Fall? Sind unsere eigenen Erfahrungen die Grenzen, die unsere KreativitĂ€t einengen? Wir scheinen alle sehr unterschiedlich darĂŒber zu denken, aber auch sehr leidenschaftlich. 

Werbung ist auch eine Kunst!

Nun sprechen wir aber schon wieder ĂŒber Kunst! Es fĂ€llt auf, dass man beim KreativitĂ€tsbegriff sehr schnell beim Thema Kunst landet, auch wenn sich alle einig sind, dass wir dabei nicht ĂŒber Synonyme sprechen. Charlotte Bufler (Chief Creative Officer bei der Kommunikationsagentur The Wunderwaffe) will das nicht auf sich sitzen lassen. Gute Werbung erfordert nĂ€mlich ein hohes Maß an KreativitĂ€t! Und Werbung kann genauso sehr bewegen wie Kunst, sie kann gesellschaftliche Diskurse anstoßen und positive VerĂ€nderungen bewirken. Vielleicht nicht der 101. Joghurtbecher – aber sie hat eine ganze Reihe von Beispielen im GepĂ€ck, die uns davon ĂŒberzeugen sollen, dass Werbung mehr sein kann als nur Verkaufsförderung. Eine UnterfĂŒhrung in New York zum Beispiel, die mit einem großen YES vom Drogen-Hotspot zur Hochzeits-Location geworden ist. 

Thomas Thiede will das differenzierter sehen. Klar, gute Werbung kann so wirken. Aber er findet, der Begriff „KreativitĂ€t“ wird viel zu inflationĂ€r gebraucht: „So etwas wie ‚kreatives Backen‘ ist doch Blödsinn – der BĂ€cker macht einfach seinen Job.“ Das Adjektiv „kreativ“ wird auf alle möglichen TĂ€tigkeiten angewandt, um sie aufzuwerten. Dabei sind viele dieser TĂ€tigkeiten zwar damit verbunden, im ursprĂŒnglichen Sinne „schöpferisch“ tĂ€tig zu werden, also etwas aus Nichts zu kreieren, aber kreativ sind sie deswegen noch lange nicht. Da sind wir wieder bei der DefinitionsunschĂ€rfe, einem Problem, das sich durch den gesamten Abend zieht

Und jetzt?

 

Die Diskussion dauert lĂ€nger als geplant: Viele Punkte gilt es zu beachten und wir alle haben das GefĂŒhl, dass wir gerade etwas Wichtigem auf der Spur sind, das wir nicht einfach so abwĂŒrgen können. Denn die Frage danach, wie wir mit KreativitĂ€t umgehen und wie wir sie herauskitzeln können in unserem Alltag und in unseren vielen verschiedenen professionellen Bereichen, treibt sicher viele um. Am Ende des Abends stehen keine Lösungen, sondern viele Impulse, die wir mitnehmen in unser eigenes Leben: Ob wir nun Kunst machen oder Joghurtbecher designen – wir alle werden sicher noch viel ĂŒber diesen Abend nachdenken.
 
Haben Sie die Lösung? Was bedeutet KreativitÀt in Ihrem Alltag? Schreiben Sie uns gerne!

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Die Munich Creative Business Week, unser Partner. Foto: Timian Hopf

 

Gefördert durch

Waldemar Bonsels Stiftung

 

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Autorin: Sophie Fendel

Sophie Fendel hat ihre Leidenschaft fĂŒr Dreidimensionale Kunst bei sculpture network neu entdeckt. Seit dem Lab im Hofspielhaus nimmt sie nicht nur Joghurtbecher, sondern auch die Definition von Kunst und KreativitĂ€t genauer unter die Lupe.

 

 

Titelbild: Angelika Hein, Eva Wolf, Manfred Holler, Micha Goes, Thomas Thiede, Walter Kuhn, Charlotte Bufler. Fotos: Timian Hopf

Galerie

Angeregte GesprÀche
Angeregte GesprÀche
Charlotte Bufler
Charlotte Bufler
Die gespannten TeilnehmerInnen
Die gespannten TeilnehmerInnen
Micha Goes
Micha Goes
Die versammelte Runde im Hofspielhaus
Die versammelte Runde im Hofspielhaus
Manfred Holler
Manfred Holler
Diskussion mit Teilnehmern aus dem Publikum
Diskussion mit Teilnehmern aus dem Publikum
Walter Kuhn
Walter Kuhn
Gespanntes Lauschen
Gespanntes Lauschen
Thomas Thiede
Thomas Thiede
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